Content

oben / top  |  Navigation  |  Navigation (Breadcrumb Trail)  |  Navigation (untergeordnet)  |  Inhalt / Content  |  unten / bottom

 

"Deckungspolitik im Bedarfsfall anpassen"

 

Als Mitglied des Vorstands der Euler Hermes Aktiengesellschaft verantwortet Edna Schöne das Bundesgeschäft des Kreditversicherers. Im Interview mit Afrika Wirtschaft spricht sie über die erweiterten Möglichkeiten, Lieferungen und Leistungen nach Afrika mit Hermesdeckungen abzusichern und erläutert, welche Angebote Exporteuren bereits in der Geschäftsanbahnungs-phase zur Verfügung stehen.

Edna Schöne, Mitglied des Vorstands Euler Hermes AG

 

Ausgerechnet für Geschäfte mit und in afrikanischen Ländern, wo gerade jetzt der Ruf nach höherer Investitions- und Risikobereitschaft deutscher Mittelständler immer lauter wird und Unternehmen angesichts wachsender Konkurrenz eine intensivere Unterstützung benötigen, ist die staatliche Absicherung der Geschäfte bislang schlechter als für jeden anderen Kontinent. Warum ist das so?


Dass in Ländern mit höheren Risiken die Deckungsmöglichkeiten restriktiver gehandhabt werden, als in Ländern mit einem geringerem Risiko liegt in der Natur der Sache. Und Fakt ist: Viele Länder in Subsahara Afrika sind von der OECD in die höchste Länderkategorie eingestuft. Dennoch hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren Lieferungen und Leistungen nach Afrika in Milliardenhöhe mit Hermesdeckungen abgesichert. Mit rund 4,4 Mrd. Euro entfiel gut ein Fünftel des gesamten Deckungsvolumens des vergangen Jahres auf Afrika. Und auch die größte Einzeldeckung 2016 betraf ein Afrikageschäft. Unter dem Strich sicherte die Bundesregierung 2016 Lieferungen und Leistungen in 40 verschiedene Länder Afrikas ab.

2016 hat der Bund mit Exportkreditgarantien ein Plus von 1,184 Milliarden Euro erwirtschaftet. Auch in den Vorjahren gab es erhebliche Überschüsse. Warum werden diese Spielräume nicht stärker genutzt?

Die schwarzen Zahlen von heute sind die roten Zahlen von gestern. Ein großer Teil des Jahresergebnisses resultiert aus der Rückzahlung bestehender Außenstände. Es handelt sich also nicht um einen Überschuss im klassischen Sinne. Vielmehr sind Entschädigungszahlungen, die den Bundeshaushalt in der Vergangenheit belastet haben, nun ausgeglichen worden. So hat beispielsweise der Iran seine Hermes-Altschulden in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro 2016 beglichen.

Der Ergebnisbeitrag für den Bundeshaushalt unterliegt also langfristigen Schwankungen. Genauso wie die Bundesregierung in Zeiten roter Zahlen, zum Beispiel in den 90er Jahren, die Risikoschrauben nicht pauschal angezogen hat, werden diese im umgekehrten Fall auch nicht durchweg gelockert. Die risikomäßige Vertretbarkeit eines Geschäfts wird auf Basis des zugrundeliegenden Geschäfts geprüft und nicht in Abhängigkeit vom Jahresergebnis entschieden.

Und last but not least: Das Jahresergebnis ist nur eine Seite der Medaille. Dagegen steht das Entschädigungsrisikos des Bundes. Und das liegt aktuell bei knapp 90 Mrd. Euro.

Bei Geschäften mit öffentlichen Auftraggebern und langfristigen Projekten sind Hermesdeckungen bislang nur für zwölf zusätzliche afrikanische Länder geöffnet worden. Vor allem Unternehmen, die besonders schwierige Märkte bearbeiten, benötigen Absicherung. Wird es Hermesdeckungen für Geschäfte mit öffentlichen Auftraggebern demnächst in weiteren afrikanischen Ländern geben?


2014 hat die Bundesregierung damit begonnen, die Deckungspolitik für ausgewählte Länder Subsahara-Afrikas zu erweitern. Diese Entscheidung ist auch das Ergebnis intensiver Gespräche mit der deutschen Exportwirtschaft und dem Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft. Seitdem sind auch wieder Hermesdeckungen für Geschäfte mit dem öffentlichen Sektor in Ländern möglich, denen die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der sogenannten HIPC-Initiative in den 90er Jahren Schulden in dreistelliger Millionenhöhe erlassen hat.

Aktuell können in 34 von 54 afrikanischen Ländern Geschäfte zu Kreditkonditionen mit privaten Bestellern mit Exportkreditgarantien abgesichert werden. Hermesgedeckte Lieferungen und Leistungen an den öffentlichen Sektor zu Kreditbedingungen sind in 22 Ländern möglich. Und dabei muss es nicht bleiben. Die Bundesregierung hat immer wieder betont, die Deckungspolitik im Bedarfsfall – d.h. wenn geeignete Geschäfte vorliegen - anzupassen.

Der Selbstbehalt für deutsche Unternehmen ist mit zehn Prozent doppelt so hoch wie bei Bürgschaften für andere Schwellenländer. Andere OECD-Staaten haben Selbstbehalte von lediglich zwei Prozent - und sie nehmen auch Länder in Deckung, die Deutschland ausklammert. Um international konkurrenzfähig zu werden und im Sinne der Flankierung wirtschaftlicher Entwicklung in afrikanischen Ländern sollte der Selbstbehalt am Risiko aus unserer Sicht zumindest für eine Übergangszeit auf ein Prozent gesenkt werden. Ist etwas in dieser Richtung geplant?


Auch wenn sich der erhöhte Selbstbehalt nur auf Kreditgeschäfte mit öffentlichen Bestellern in jenen zwölf Ländern bezieht, denen Deutschland in der Vergangenheit die Schulden erlassen hat, ist es ein Thema, dass Exporteure und Banken umtreibt. Und tatsächlich sind andere Länder hier mit ihren Konditionen teilweise großzügiger. Innerhalb der Bundesregierung wird über dieses Thema daher intensiv diskutiert. Das Wirtschaftsministerium hat sich in seinem Pro! Afrika Konzept bereits dafür ausgesprochen, den erhöhten Selbstbehalt abzusenken. Eine solche Entscheidung muss allerdings im Konsens aller im Interministeriellen Ausschuss für Exportkreditgarantien beteiligten Bundesministerien getroffen werden. (Anm. d. Redaktion: Dem Interministeriellen Ausschuss gehören das Wirtschaftsministerium, das Finanzministerium, das Auswärtige Amt sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an.)

Bei aller Kritik sollte jedoch nicht vergessen werden: In den vergangenen Monaten und Jahren haben Exporteure die erweiterte Beschlusslage genutzt und für eine Reihe von Geschäften Exportkreditgarantien beantragt; trotz des erhöhten Selbstbehalts.

Deutsche Unternehmen brauchen vor allem in den frühen Projektphasen Risikominimierung. Wie könnte ein Instrument aussehen, welches diesem Anliegen Rechnung trägt?


Ich kenne die Forderung nach einer Beteiligung des Bundes an Investitionsrisiken in der Projektphase. Die Idee klingt verlockend. Doch Hermesdeckungen knüpfen grundsätzlich an konkreten Auslandsvorhaben an. Aufgrund der sehr hohen und nicht leicht zu bepreisenden Risiken ist es auch nicht einfach, ein solches Instrument zu entwickeln. Am Ende bleibt immer ein unternehmerisches Risiko. Das gilt insbesondere in der Phase der Projektanbahnung. Inwieweit ein Unternehmen bereit ist, hier Risiken zu übernehmen, sagt auch etwas über die Ernsthaftigkeit und Realisierungschancen eines Projekts aus.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Bund Unternehmen in der Anbahnungsphase nicht unterstützt. Im Gegenteil. Im Pro! Afrika Konzept des Wirtschaftsministeriums wird angekündigt, das Angebot an staatlichen Unterstützungsleistungen noch weiter auszubauen. Die Maßnahmen sollen von der Stärkung des AHK-Netzes über die Gründung von regionalen Branchen-Kompetenzzentren bis hin zur  Ausweitung des Informationsangebots und der Installierung eines Afrika-Lotsen reichen, der deutsche Unternehmen bei Fragen zum Markteintritt in Afrika unterstützt und begleitet.

Zudem gibt es interessante Angebote der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). So bezuschusst der Business Support Service der DEG bis zu 50 Prozent der Kosten projektvorbereitender bzw. - begleitender Maßnahmen. In der Spitze kann dieser Zuschuss bis zu 200.000 Euro betragen.

Und auch wir selbst sind zuweilen in sehr frühen Projektphasen mit dem Exporteur bei potenziellen Käufern unterwegs.

Könnte aus Ihrer Sicht die Unterfütterung von Hermesbürgschaften mit Zuwendungselementen aus dem Entwicklungsetat in Betracht gezogen werden?


Die Bundesregierung ist bestrebt, die verschiedenen Maßnahmen zur politischen und wirtschaftlichen Stärkung Afrikas intelligent miteinander zu vernetzen. Wie dies aussehen kann, zeigt folgendes Beispiel: Derzeit werden in Deutschland die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit ungebunden, d.h. unabhängig von konkreten Exporten aus Deutschland vergeben. Wenn ein deutscher Exporteur bei einer solchen Ausschreibung ein Entwicklungshilfeprojekt gewinnt, kann der Bund mit Hermesdeckungen unterstützend zur Seite stehen. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass durch eine solche Flankierung die internationalen OECD Regeln zur Förderung von Exporten, und damit die WTO-Vorgaben, nicht verletzt werden.

Deutsche Unternehmen klagen über zu komplizierte Anträge. Wird derzeit über eine  Vereinfachung der Anträge nachgedacht?


Komplexitätsreduktion ist ein Thema, das bei uns ganz oben auf der Agenda steht. Gegenwärtig sind wir dabei, unser Geschäft entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu digitalisieren. Dies wird sich nicht nur in neuen Serviceleistungen und Produktangeboten widerspiegeln. Auch die Antragstellung und Schadensregulierung wird deutlich vereinfacht. Das jüngst gestartete myAGA Kundenportal (www.agaportal.de) ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer noch stärkeren Kundenorientierung und einfacheren Handhabung des Hermesinstruments.

Wo wünschen Sie als Mandatar des Bundes sich größere Handlungsspielräume?


Die Aufgaben zwischen den Mandataren und dem Bund sind klar verteilt und die Zusammenarbeit hervorragend. Die uns zur Verfügung gestellten Handlungsspielräume sind absolut ausreichend und wir nutzen diese auf vielfältige Weise; sowohl beim Management als auch bei der Weiterentwicklung des Instrumentariums. Beides tun wir mit Blick und  im Interesse der deutschen Exportwirtschaft und der sie finanzierenden Banken.